Autor: bfe

  • Vorlesetag

    Ich erinnere mich noch, als ob es gestern gewesen wäre: An einer Stadtratssitzung teilte uns Stadtpräsident Mike Künzle mit, dass erstmals schweizweit ein Vorlesetag stattfinden würde. Und der Leiter der Winterthurer Bibliotheken, Hermann Romer, habe sich überlegt, dass die Stadtratsmitglieder in den sieben Bibliotheken auftreten würden. Es war so ein Moment, in dem alle fanden: «Klar, super Idee».

    Und so las ich am 23. Mai 2018 in der bis auf den letzten Platz mit Kindern besetzten Bibliothek Veltheim Geschichten vor, die von Kindern verfasst wurden. Genau dort, wo ich in meiner Kindheit unzählige Stunden verbracht habe und wo seit deren Eröffnung 1981 meine Mutter bis zu ihrer Pensionierung arbeitete.

    Seit 2018 ist der Vorlesetag ein fixer Bestandteil in den stadträtlichen Agenden. Jede Bibliothek hat ihr eigenes Ambiente. Mal kommen etwas mehr, mal weniger Kinder. Man weiss es bis kurz vor Beginn nie so genau. Immer aber ist es faszinierend, überraschend und lehrreich, mit den Kindern auf Tuchfühlung zu gehen.

    Der Tag zeigt, wie schön Vorlesen ist. Und wie wichtig. Denn regelmässiges Vorlesen schafft nicht nur Nähe, sondern unterstützt Kinder auch in ihrer Entwicklung. Kinder, denen täglich vorgelesen wird, haben einen grösseren Wortschatz und lernen leichter lesen und schreiben.

    Mir bleiben nun noch sechs Tage, um das Vorlesen zu üben. Denn nächste Woche ist es wieder so weit. Am Mittwoch, 27. Mai, um 15 Uhr, lese ich in der Bibliothek Hegi aus zwei Kinderbüchern vor. Und meine Stadtratskolleg:innen zur selben Zeit in den anderen städtischen Bibliotheken. Es würde uns freuen, ihre Kinder oder Enkel zu treffen – und ihnen vorlesen zu dürfen.

    Nicolas Galladé, Stadtrat, Vorsteher Departement Soziales

  • «Wie geht’s dir?»

    Entschuldigen Sie, dass ich Sie im Titel dieser Kolumne duze. Ich nehme den Wortlaut der «Wie-geht’s-dir?»-Kampagne auf. Diese Kampagne der Deutschschweizer Kantone und der Stiftung Pro Mente Sana hat zum Ziel, die Bevölkerung für das Thema psychische Gesundheit zu sensibilisieren. Neu auch in Winterthur. Vielleicht ist Ihnen die gelbe Sitzbank im Stadtzentrum auch schon aufgefallen. Sie steht seit kurzem auf dem Kirchplatz. Gleich neben der bei Kindern beliebten Skulptur von Erwin Schatzmann mit den verschiedenen Tierköpfen.

    In der Schweiz fühlt sich aktuell jede fünfte Person psychisch belastet. Jede zweite Person erlebt in ihrem Leben eine psychische Erkrankung. Trotzdem ist die psychische Gesundheit ein Tabuthema. Ein Thema, bei dem es vielen von uns – mir geht es zumindest so – nicht immer leicht fällt, es anzusprechen.

    Das will die Kampagne ändern. Sie stellt gelbe Sitzbänke zur Verfügung, die dazu einladen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Über Alltägliches zu plaudern. Und auch darüber, wie es einem geht. Die einfache Frage «Wie geht’s dir?» kann viel bewegen. Sie ermöglicht Gespräche über Emotionen und Probleme, die verbindend und entlastend wirken können. 

    Unter www.wie-gehts-dir.ch finden Sie konkrete Hilfestellungen rund um die psychische Gesundheit: Ein Selbst-Check, um herauszufinden, wo man steht. Impulse zur Stärkung des Wohlbefindens. Gesprächstipps zum Thema. Und Adressen und Telefonnummern von Beratungsangeboten. Schauen Sie vorbei. Und kommen Sie vorbei: Am Freitagnachmittag, 10. April, bei der offiziellen Einweihung. Im Juni, wenn ein Zuhörwagen beim Bänkli Halt macht. Beim Erzählcafé im September. Oder einfach so, um die Frühlingsstimmung zu geniessen. 

    Nicolas Galladé, Stadtrat, Vorsteher Departement Soziales

  • Gemeinsam gegen Armut

    Vor den Sportferien konnten wir die Winterthurer Bildungsstrategie präsentieren. Es geht um Personen, die keinen Lehrabschluss und keine Matur haben. Diese sind häufiger auf Sozialhilfe angewiesen und von Armut betroffen. Die Stadt möchte diese Menschen nach dem Grundsatz «Arbeit dank Bildung» unterstützen. Indem sie die Möglichkeit erhalten, noch fehlende Grundkompetenzen nachzuholen. Dazu gehören Lesen, Schreiben, Rechnen, mündliche Ausdrucksfähigkeit in deutscher Sprache und die Anwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien. Das Schliessen von Lücken in diesen Bereichen erhöht die Chancen, eine Stelle zu finden. Oder die Stelle zu behalten.

    Dass dies wichtig ist, zeigt die Studie, auf deren Erkenntnissen die Bildungsstrategie erstellt wurde: Auch in Zukunft wird es in Winterthur in den Dienstleistungsbranchen, im Gesundheits- und Sozialwesen, im Verkehr und in der Lagerei Arbeitsstellen geben. Aber auch dort steigen die Anforderungen. Hier setzt unsere Bildungsstrategie an: Zuerst geht es darum, die Personen zu erreichen, um dann den Bildungsbedarf abzuklären, sie zu beraten und die benötigte Bildung zu ermöglichen. Basis ist die Vernetzung der beteiligten Stellen: städtische, kantonale, private, kirchliche und gemeinnützige Partner:innen, sozialen Institutionen und Firmen und KMU aus der Region. Mit ihnen haben wir die Bildungsstrategie erarbeitet, Ziele festgelegt und Massnahmen entwickelt. Das ist die beste Voraussetzung, um diese Massnahmen gegen Armut nun gemeinsam weiterzubearbeiten und umzusetzen. Ein grosses Dankeschön an alle Beteiligten für ihren wertvollen Einsatz und ihre Mitwirkung.

    Nicolas Galladé, Stadtrat, Vorsteher Departement Soziales

  • Wohnen und Sozialhilfe

    Wohnen und Sozialhilfe

    «Als ich begonnen habe vor viereinhalb Jahren im Intake zu arbeiten, da war die Wohnproblematik bei neuen Fällen sehr selten. Jetzt ist es sehr selten, dass jemand keine Wohnproblematik hat». Diese Aussage stammt von einem Sozialberater und ist im Fokus-Kapitel «Wohnen und Sozialhilfe» des aktuellen Kennzahlenberichtes der Städteinitiative Sozialpolitik nachzulesen.

    Mit dieser Einschätzung ist er nicht allein. Sechzehn von zwanzig befragten Sozialdiensten halten im Kennzahlenbericht fest, dass die Anzahl der Menschen in der Sozialhilfe, die akut von Wohnungsverlust bedroht sind, in den letzten fünf Jahren zugenommen habe.

    Auch mit Blick auf die Entwicklung des Wohnungsmarktes ergibt sich von Genf bis Chur und von Basel bis Sion ein klares Bild: Das Angebot an Wohnungen im unteren Preissegment wird durch die Sozialdienste sämtlicher zwanzig Städte als zu klein erachtet. Gleiches gilt für das Angebot an gemeinnützigen Wohnungen respektive Wohnraum, der nach dem Prinzip der Kostenmiete zur Verfügung gestellt wird. Mieten also, die sich an den effektiven Kosten orientieren und nicht an einer möglichst hohen Rendite.

    Die Studienautorin Michelle Beyeler hält fest: Wenn es schon für den Mittelstand schwierig sei, eine bezahlbare Wohnung zu finden, sei dies für armutsbetroffene Personen fast unmöglich. Die Einschätzung, dass Mieten auf breiter Front angestiegen sind, wurde diese Woche bestätigt. Die Immobilienspezialisten von Wüest Partner haben die Entwicklung der Angebotsmieten der letzten 25 Jahre ausgewertet:  Die inserierten Wohnungsmieten in diesem Zeitraum seien im Kanton Zürich um 68 Prozent gestiegen, in der Stadt Zürich gar um 96 Prozent, schreibt «20 Minuten». Auch inflationsbereinigt bleibe ein deutlicher Anstieg der Mieten: 21 Prozent im Kanton. 44 Prozent in der Stadt Zürich. Besonders markant ist der Anstieg in den letzten drei Jahren.

    Ob Sozialhilfebeziehende, wenig Verdienende oder Mittelstand – massiv überteuerte Mieten und ihre Folgen beschäftigen und belasten viele Menschen wie kaum ein anderes Thema. Eine Gelegenheit, dagegen etwas zu tun, bietet sich am 30. November. Dann wird über die Volksinitiative «Mehr bezahlbare Wohnungen im Kanton Zürich» abgestimmt. Städte und Gemeinden sollen die Chance erhalten, mit einem Vorkaufsrecht zu verhindern, dass rendite-orientierte Immobiliengesellschaften noch mehr Wohnraum aufkaufen. Und stattdessen dafür zu sorgen, dass mehr gemeinnütziger und damit bezahlbarer Wohnraum entsteht.

    Nicolas Galladé, Stadtrat und Vorsteher Departement Soziales

  • Das letzte Puzzleteil

    Ende August 1995 nahm die heroingestützte Behandlung in Winterthur mit 25 Personen ihren Betrieb auf. Was heute unspektakulär klingt, war damals alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Nachdem bis Anfang der 90er-Jahre am Zürcher Platzspitz eine offene Drogenszene bestand, verlagerte sich diese nach der Räumung auf den Letten. Beim stillgelegten Bahnhof entstand eine noch grössere Drogenszene. Mit noch mehr Elend, Verwahrlosung und Gewalt.

    Diese Entwicklungen zeigten, dass es keine einfachen Rezepte gibt. Und dass es neue Ansätze braucht. Fachleute entwickelten die Vier-Säulen-Politik. Diese basiert auf dem Zusammenspiel von Prävention, Therapie, Überlebenshilfe und Repression. Und wurde zu einer international beachteten Erfolgsgeschichte.

    Diese gäbe es nicht ohne mutige Pionier:innen. André Seidenberg und Ambros Uchtenhagen. Emilie Lieberherr und Monika Stocker. Oder Ernst Wohlwend und Toni Berthel in Winterthur. Sie und viele andere ermöglichten die ärztlich kontrollierte Heroinabgabe. Das letzte und anspruchsvollste Puzzleteil, welches die Vier-Säulen-Politik vervollständigte.

    In Winterthur fand die wohl erste Volksabstimmung überhaupt zur Heroinabgabe statt. Ich erinnere mich noch gut an das Argument der Gegnerschaft, wonach man ja dem Alkoholiker auch keinen Schnaps abgebe, um ihn zu heilen. Die Argumentation der Befürworter:innen, dass die Heroinabgabe in einem umfassend begleiteten Setting erst die Voraussetzung schafft, damit sich betroffene Personen stabilisieren und so schrittweise in einen einigermassen geordneten Lebensalltag zurückfinden können, war etwas schwieriger zu vermitteln. Aber sie überzeugte eine knappe Mehrheit.

    Am 25. Juni 1995 stimmte die Winterthurer Stimmbevölkerung mit 51,3 Prozent Ja-Anteil der Einführung einer städtischen Heroinabgabe zu. Der Rest ist Geschichte. Die Vier-Säulen-Politik hat dazu beigetragen, dass es den Süchtigen besser geht. Sowohl in Bezug auf ihre Gesundheit wie auch auf die soziale Integration. Die Beschaffungskriminalität ging massiv zurück.

    Die Vier-Säulen-Politik ist für mich ein Sinnbild, wie die Politik komplexen gesellschaftlichen Herausforderungen begegnen soll: faktenbasiert, ideologiebefreit, interdisziplinär. Nichts zeigt konkreter den Erfolg der heroingestützten Behandlung auf, als die Menschen, die Ende August das Jubiläum feierten. Darunter auch Klient:innen, die seit 30 Jahren dabei sind.

    Nicolas Galladé, Stadtrat und Vorsteher Departement Soziales

  • 1:1 gewonnen

    Livia Peng – Noelle Maritz – Viola Calligaris – Geraldine Reuteler – Viola Calligaris – Geraldine Reuteler – Ana-Maria Crnogorčević – Alayah Pilgrim – Alisha Lehmann – Ana-Maria Crnogorčević – Geraldine Reuteler – Riola Xhemaili. So lautete der 12-stellige-Code, mit dem am letzten Donnerstag in der der Nachspielzeit das Fussballnationalteam in Genf das finnische Tor knackte und eine kollektive Begeisterung auslöste. Dank dem 1:1 schaffte die Schweiz erstmals den Einzug ins Viertelfinale einer Europameisterschaft.

    Es war der bisherige Höhepunkt an dieser Europameisterschaft, die mit einem noch nie dagewesenen spielerischen Niveau auf dem Platz einen Quantensprung markiert. Selbiges gilt auch neben dem Platz: Der Frauenfussball, dessen von Hürden gesäumte Geschichte eng mit der Geschichte der Gleichberechtigung verknüpft ist, ist in der Gesellschaft angekommen. Die Zuschauer:innen-Zahl in den Stadien war in der Vorrunde so hoch wie noch nie an einer EM. Dasselbe gilt für die TV-Einschaltquoten. Die Stimmung vor und nach den Spielen, die Anzahl der Public-Viewing-Anlässe, auch in Winterthur, setzen neue Massstäbe.

    Mit der Begeisterung war es nicht immer so weit her. Der Bundesrat wollte zwischenzeitlich gerade einmal vier Millionen Franken für die Euro sprechen. Erst eine Petition aus dem Kreis engagierter Personen aus dem Frauenfussball um Sarah Akanji und Laura Kaufmann und geschicktes Lobbying führte dazu, dass das eidgenössische Parlament den Betrag auf wenigstens 15 Millionen Franken aufstockte. Auch fussballerisch lief es nicht rund: Seit Ende Oktober letzten Jahres war die Schweiz sieglos. Die mediale Kritik an Nationaltrainerin Pia Sundhage – eine der erfolgreichsten Frauenfussball-Trainerinnen – blieb nicht aus.

    Den stimmungs- und resultatmässigen Turnaround schaffte das Nationalteam Ende Juni im letzten Vorbereitungsspiel, bei dem es mit einem 4:1 gegen Tschechien auf die Erfolgsspur zurückkehrte. Und auf der Schützenwiese vom Publikum in einer stimmungsvollen Atmosphäre gefeiert wurde. Den Funktionär:innen, Team- und Turnierverantwortlichen fiel ein Stein vom Herz. «Das ist genau das, was wir gebraucht haben», lautete der Tenor.

    Seit letztem Donnerstag, 22:48 Uhr, und dem Tor nach der eingangs erwähnten Passfolge wissen wir zwei Dinge. Erstens: Der Geist von Winterthur und der «Schützi-Spirit» haben gewirkt. Zweitens: Man kann ein Spiel auch 1:1 gewinnen.

    Nicolas Galladé, Stadtrat und Vorsteher Departement Soziales

  • Unabsteigbar

    Genau drei Jahre nach dem sensationellen Aufstieg schaffte der FC Winterthur vor einer Woche erneut den direkten Klassenerhalt. Angesichts des Saisonverlaufs ist dies nicht minder sensationell als der damalige Aufstieg. Ich muss gestehen, dass ich während dieser Saison nicht immer viel darauf gewettet hätte, dass der Abstiegskelch am FCW vorbei geht. Ich habe mich gerne geirrt.

    Der Ligaerhalt zeigt zwei Dinge. Erstens: Ein funktionierendes Team ist – das lässt sich auch auf eine Gesellschaft übertragen – mehr ist als die Summe der Individuen, die ihm angehören. Der FCW hatte von der Qualität der Einzelspieler nüchtern betrachtet die zwölftbeste Mannschaft der Liga. Aber es gelang insbesondere nach der Verpflichtung von Uli Forte, die richtige Auf- und Einstellung zu finden. Das Maximum aus den individuellen Möglichkeiten herauszuholen. Und als eingeschworenes Kollektiv den entscheidenden Unterschied zu machen. Dazu beigetragen haben alle: Spieler und Ersatzspieler – gerade auch jene, die nicht aufgeboten wurden. Trainer, Staff, Mitarbeitende auf der Geschäftsstelle und Vorstand. Und die Fans neben dem Platz.

    Damit wären wir beim zweiten Highlight: Vor drei Jahren wurde ich nach dem Aufstieg in einem WOZ-Interview gefragt: «Wird die «Schützi» ihren Charakter behalten können?». Die Frage griff ein Thema auf, das im FCW-Umfeld herumgeisterte. An dieser Stelle schrieb ich damals: «Klar, es wird nicht mehr alles genau so sein wie früher. Ich werde länger anstehen müssen beim Wurststand. Ich muss mich entscheiden, ob ich das Spiel aus der Bier- oder der Sirupkurve verfolgen will. Es wird ein grösseres Sicherheitsaufgebot geben. Und für mich am Bedauerlichsten: Wir werden nicht mehr so viele FCW-Tore wie in der letzten Saison bejubeln können. Aber unter dem Strich überwiegen auf und neben dem Platz klar die Chancen.» Nun, drei Jahre später kann man sagen: Es ist ziemlich genau so eingetroffen. Die nur gut halb so vielen Tore haben wir dafür mindestens doppelt so intensiv bejubelt. Und am Schluss wollte niemand absteigen und alle haben den FCW zum Klassenerhalt angetrieben. Das ist die grösste Leistung: Wir haben die Komfortzone verlassen, die neue Herausforderung angenommen, uns auf und neben dem Platz weiterentwickelt, den Winti-Spirit und Schützi-Geist auf ein neues Level gebracht. Wir haben den FCW unabsteigbar gemacht.

    Nicolas Galladé, Stadtrat und Vorsteher Departement Soziales

  • «Ich kandidiere für eine lebenswerte Stadt für alle»

    Die Coronapandemie. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Höhere Lebenshaltungskosten. Steigende Mieten. Diesen Unsicherheiten begegnen wir nicht mit Abschottung, Ausgrenzung und Spaltung. Unsere Antwort lautet auch für die kommenden vier Jahre: mehr Solidarität, mehr soziale Gerechtigkeit und mehr Teilhabe. Dafür will ich mich auch in Zukunft als Sozialstadtrat einsetzen.

    Mehr Solidarität

    Der Angriff Russlands auf die Ukraine ist auch ein Angriff auf unsere Werte. Auf Rechtsstaat, Demokratie und Freiheit. Deshalb haben wir Flagge gezeigt und Partei ergriffen. Der Ukraine gilt unsere uneingeschränkte Solidarität. In der nationalen und kantonalen Politik ist eine Entsolidarisierung zu beobachten. Das zeigt sich im Flüchtlingsbereich deutlich. Unsere Realität sieht anders aus: seit dem Kriegsausbruch hat sich die Zahl der Geflüchteten in Winterthur vervierfacht. Wir konnten diese Menschen unterbringen und unterstützen. Die Bevölkerung hat unser Handeln mitgetragen, sie hat Hilfsbereitschaft und Solidarität gezeigt. Diese Erfahrung bringe ich als Städtevertreter auf Kantons- und Bundesebene glaubwürdig ein. Auch in den nächsten vier Jahren.

    Mehr soziale Gerechtigkeit

    Die stark steigenden Wohnungsmieten und Preiserhöhungen machen den Menschen zu schaffen. Die Antwort der Winterthurer Bevölkerung war klar: Zwei Drittel sagten JA zum kommunalen Mindestlohn, zur 13. AHV-Rente und zur Pflegeinitiative. Die Menschen sollen von ihrer Arbeit in Würde leben und wohnen können. Dafür setze ich mich auch in Zukunft ein. Etwa wenn es darum geht, die rechten Bestrebungen auf Bundesebene gegen kantonale und kommunale Mindestlöhne zu bekämpfen. Wir müssen die Armut bekämpfen und nicht faire Löhne verhindern.

    Mehr Teilhabe

    Es ist mir wichtig, dass alle ihren Platz in der Gesellschaft haben. Die Menschen müssen mitmachen können. In Oberwinterthur haben wir in einem Modellprojekt Kinder und Jugendliche einbezogen. Es entstand die schweizweit längste Kunstgalerie. An der Freiluftgalerie an der Hegistrasse haben 200 Schüler:innen und 100 Künstler:innen mitgewirkt. Und Farbe ins Quartier und in den Alltag gebracht. Auch in meinen, wenn ich jeden Tag auf meinem Arbeitsweg mit dem Velo entlangfahren darf. Letztes Jahr haben wir zur Erarbeitung der Altersstrategie vier Mitwirkungsveranstaltungen mit Senior:innen durchgeführt. Die seither erarbeiteten Wünsche werden nun von den Beteiligten präsentiert. Und in Zukunft umgesetzt.

    Es geht um die Menschen
    Wir erarbeiten Strategien und Konzepte, setzen sie um und entwickeln sie weiter. Diese müssen aber dazu dienen, die Lebenssituation der Menschen in unserer Stadt zu verbessern. Um sie geht es.

    Um die 79-jährige Marianne Leonhardt, die ich Ende Februar beim Tag der offenen Tür im Wohnen mit Service Brühlgut traf. Sie hat nach langem Suchen dank unserem neuen Angebot eine bezahlbare Wohnung gefunden, in der sie sich wohl fühlt.

    Oder um Gregor, der als Botschafter bei der Eröffnung der Lernstube im Treffpunkt Vogelsang war und erzählt hat, wie ihm der Gang in die Lernstube geholfen hat beim Ausfüllen diverser Unterlagen: «Ich bin als anderer Mensch dort rausgegangen.»

    Oder um Susanna Bosshard, die an der 1.-Mai-Feier getroffen habe. Der Landbote hatte sie im Vorfeld zur Abstimmung zur Mindestlohn-Initiative porträtiert. Und eindrücklich aufgezeigt, was es heisst, im Tieflohnbereich zu arbeiten.

    Es sind diese Begegnungen, diese Menschen, die mich motivieren, als Sozialstadtrat wieder zu kandidieren. Für diese und andere Menschen will ich mich weiter engagieren. Für bezahlbaren Wohnraum. Für Begegnungsräume für Armutsbetroffene. Für einen Lohn zum Leben. Für eine lebenswerte Stadt für alle.

    Nicolas Galladé, Stadtrat und Vorsteher Departement Soziales

  • «Wo-Wo-Wonige»

    Der Slogan der Wohnungsnot-Bewegung der späten 80er-Jahre ist aktueller denn je. Am letzten Montag etwa auf der Titelseite des Tages-Anzeigers im Zusammenhang mit der Zürcher Wohndemo gegen Leerkündigungen à la Sugus-Häuser und überteuerte Mieten. Das Thema geht weit über Zürich und andere Städte wie Winterthur hinaus. In derselben Zeitungsausgabe wurde nachgewiesen, dass tiefe Leerstandsquoten auch ländliche Gemeinden erreicht haben. Etwa im Berner Oberland, wo selbst die Tourismus-Direktorin von Lenk-Simmental auf der Suche nach einer dauerhaften Wohnlösung noch nicht fündig wurde. Oder im Engadin, wo die Gemeinde Sils Genossenschafts-Wohnungen für Einheimische bauen will.

    Zwei Tage zuvor war dem Landboten zu entnehmen, dass die Immobilienberatung Iazi aufgrund einer Erhebung im 2024 den stärksten Anstieg seit 20 Jahren bei den Bestandsmieten festgestellt hat: Um 4,5 Prozent stiegen im Durchschnitt schweizweit die Mieten bewohnter Wohnungen. Während der Anstieg in der Stadt Zürich 6,8 Prozent betrug, lag innerhalb der untersuchten Gemeinden im Kanton Zürich Wetzikon mit 12 Prozent überraschend an der Spitze.

    Die Statistiken sprechen eine deutliche Sprache. Es geht aber um mehr als um Zahlen. Wohnen ist ein Grundbedürfnis. Es verwundert deshalb nicht, dass neben fairen Löhnen, anständigen Renten und bezahlbaren Krankenkassenprämien das Thema Wohnen die Menschen in unserem Land am stärksten beschäftigt. Weil es ganz konkrete, oft einschneidende Auswirkungen auf ihren Lebensalltag hat. Das ältere Ehepaar, das nach Jahrzehnten ihre Wohnung aufgrund des bevorstehenden Neubaus verlassen muss und Mühe hat, eine Wohnung im Quartier zu finden, wo es sich heimisch fühlt und verwurzelt ist. Oder der ältere Herr, der nach dem Tod seiner Frau nicht mehr alleine in der Wohnung leben kann und sich deshalb für eine Wohnung mit Service im Brühlgut interessiert und mit seinem Sohn den Tag der offenen Tür Ende Februar besuchte.

    Solche Beispiele werden zunehmen. Aufgrund des Sanierungsbedarfs der in die Jahre gekommenen Bausubstanz. Und aufgrund der demografischen Entwicklungen: bis im Jahr 2035 wird die Anzahl der Menschen in Winterthur, die 65 Jahre oder älter ist, von 20’000 auf 25’000 ansteigen. Weil dann auch jene, die in den späten 80er-Jahren «Wo-Wo-Wonige» gefordert haben, im Pensionsalter sind.

    Nicolas Galladé, Stadtrat und Vorsteher Departement Soziales

  • Wohnen mit Service

    Vor einem Jahr sagte die Stimmbevölkerung Ja zur 13. AHV-Rente. Ab 2026 wird diese erstmals ausbezahlt. Davon profitieren gerade Pensionierte mit kleinen Einkommen. Weil die AHV für Solidarität sorgt: Wer besser verdient und höhere Beiträge bezahlt, unterstützt die weniger wohlhabenden Versicherten, die tiefere Beiträge bezahlen. Die zweite Säule, die berufliche Vorsorge, soll dazu beitragen, im Rentenalter den Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Und mit der dritten Säule sollen jene, die es sich leisten können, ihre Altersrente verbessern können.

    So weit, so gut. Umso spannender fand ich in einem Interview im P.S. zum Thema «Wohnen im Alter» die Aussage des Zürcher Architekten und Gerontologen Felix Bohn: «Aus meiner Sicht ist eine altersgerechte Wohnung die vierte Säule der Altersvorsorge». Auf die Frage, ab wann man sich Gedanken über das Wohnen im Alter machen solle, antwortete er: «Und genau wie bei der finanziellen Vorsorge sollte man auch hier nicht erst mit 60 mit der Planung beginnen».

    Das leuchtete mir ein. Trotzdem musste ich leer schlucken. Ich werde dieses Jahr 50. Und ich muss zugeben, dass ich mit der Planung der «vierten Säule» noch nirgends bin. Ich kenne einige ältere Menschen, bei denen sich die Frage zuspitzt, ob sie in eine Alterswohnung umziehen sollen. Oder ob sie in ihrer nicht altersgerechten Wohnung bleiben. Und ins Pflegeheim gehen, «wenn es nicht mehr anders geht».

    Es geht anders: Am kommenden Samstag von 11 bis 15 Uhr bietet sich die Gelegenheit, den Tag der offenen Tür an der Waldhofstrasse zu besuchen. Und «Wohnen mit Service Brühlgut» zu besichtigen. Die Wohnungen mit Serviceleistungen sind eine gute Alternative zu einem frühzeitigen Pflegeheimeintritt. Sie sind geeignet für Menschen mit kleinem Pflege- und Unterstützungsbedarf, die weiterhin in ihrem eigenen Daheim wohnen möchten. Zu den Wohnungen gehört auch ein Servicepaket, das unter anderem ein Notrufsystem, Reinigungsleistungen, Mahlzeiten im Restaurant und soziale Aktivitäten umfasst. Die hauswirtschaftlichen und sozialen Dienstleistungen werden vom Alterszentrum Brühlgut erbracht. Für pflegerische Leistungen steht die städtische Spitex zur Verfügung. Vermietet werden die Wohnungen mit Service Brühlgut vorrangig an Personen, die auf Ergänzungsleistungen angewiesen sind oder über wenig finanzielle Mittel verfügen.

    Schauen Sie doch am Samstag vorbei. Es ist nie zu spät, mit der Altersvorsorge zu beginnen.

    Nicolas Galladé, Stadtrat und Vorsteher Departement Soziales